Ein selbstfahrender Linienbus mitten im Alltag? Was einst wie Science-Fiction klang, wird jetzt Realität – und das mitten in Niedersachsen. In Burgdorf fährt „Albus“, Deutschlands erster autonomer Linienbus im echten Stadtverkehr. Aber wie fühlt sich so eine Fahrt eigentlich an? Und ist der Bus wirklich schon reif für die Straße?
Albus: Der selbstfahrende Bus der Zukunft
Im Zentrum steht ein umgerüsteter Elektrobus vom Hersteller Karsan. Der acht Meter lange Bus bietet 22 Sitzplätze und ist mit modernster Technologie vollgepackt:
- Lidar-Sensoren an jeder Ecke
- Mehrere Kameras mit Rund-um-Blick
- Ein präzises Radar-System
Gemeinsam erlauben diese Systeme dem Bus, seine Umgebung in Echtzeit zu erfassen. Fußgänger, Fahrräder oder parkende Fahrzeuge erscheinen als bunte Symbole auf einem Bildschirm, den die Fahrgäste während der Fahrt einsehen können.
Wie die Testfahrt wirklich abläuft
Die Testfahrt beginnt harmlos. Doch plötzlich warnt Projektleiter Christian Kollenberg: „Jetzt besser festhalten.“ Kurz darauf legt der Bus eine Vollbremsung hin – ohne erkennbare Gefahr. Die Ursache: eine Fahrbahnverengung mit Gegenverkehr. Die Software erkennt die Engstelle und bremst vorsorglich. Sicher ist sicher.
Der Bus fährt mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h vom Bahnhof durch die Innenstadt und wieder zurück. Dabei stoppt er an zwei Haltestellen und muss mehrfach abbiegen. Der Sicherheitsfahrer hebt immer wieder demonstrativ die Hände vom Lenkrad – der Bus übernimmt. Doch nicht immer klappt das problemlos.
Wo der Mensch doch noch eingreifen muss
Mindestens dreimal greift der Fahrer aktiv ein. Etwa bei engen Kurven, bei einem falsch geparkten Lieferwagen und beim Einfädeln in das Busdepot. Genau dort liegt eines der größten Probleme heutiger Systeme: Die defensive Fahrweise kann im Alltag schnell zum Stau führen. Reicht der Platz für ein Manöver nicht, bleibt der Bus einfach stehen.
Kollenberg erklärt: „Das liegt oft nicht an der Software, sondern an den baulichen Grenzen des Busses.“ Immerhin handelt es sich um einen regulären Linienbus, der lediglich technisch aufgerüstet wurde – keine Sonderanfertigung.
Was das Projekt so besonders macht
Im Gegensatz zu früheren Projekten setzt Albus auf echte Linienbus-Größe, nicht auf kleine Shuttle-Fahrzeuge. Und: Er fährt im regulären Straßenverkehr. Das macht ihn aktuell zum einzigen Modell seiner Art in ganz Deutschland.
Andere Städte wie Hamburg oder Frankfurt testen Autonomes Fahren ebenfalls – jedoch mit Autos oder Kleinbussen. In Stavanger (Norwegen) ist ein baugleiches Modell unterwegs. Auch dort sitzt noch ein Sicherheitsfahrer mit an Bord.
Für wen ist die Fahrt mit Albus möglich?
Seit Mitte September kann jede interessierte Person – nach Anmeldung – kostenlos mitfahren. An einem typischen Oktobertag war jedoch nur ein einziger Fahrgast an Bord.
Mitfahren lohnt sich. Man bekommt nicht nur einen Eindruck davon, was heute schon technisch möglich ist, sondern sieht auch direkt die Grenzen des autonomen Fahrens im Alltag.
Wie geht es weiter mit Albus?
Die aktuelle zwei Kilometer lange Strecke wird noch im Oktober auf sechs Kilometer erweitert. Die Testphase endet im Jahr 2025. Bis dahin sollen Daten gesammelt und Fahrgastmeinungen eingeholt werden.
Für das gesamte Projekt stellt das Bundesverkehrsministerium 3,6 Millionen Euro zur Verfügung – insgesamt stehen 6,3 Millionen Euro bereit. Drei Fahrzeuge wurden bereits angeschafft. Doch regulär zugelassene autonome Busse für den ÖPNV? Noch nicht erhältlich.
Fazit: Revolution oder Sackgasse?
„Gut festhalten“ lautet der wohl treffendste Ratschlag für diese Reise in die Zukunft. Der Albus wirkt oft sicher – manchmal fast zu vorsichtig. Gerade diese übervorsichtige Programmierung könnte im hektischen Stadtverkehr zu einem Problem werden.
Funktioniert der autonome Bus? Technisch ja. Alltagstauglich? Noch nicht ganz. Doch der Fortschritt ist greifbar – vielleicht dauert es nur ein paar Jahre, bis man wirklich ohne Fahrer durch die Stadt kommt.
Bis dahin bleibt Burgdorf ein spannender Ort für alle, die sehen wollen, wohin sich autonomes Fahren im ÖPNV entwickelt.




